Die Tragödie von Nantes
Die dem Apostelpaar Petrus und Paulus geweihte Kathedrale von Nantes gehört zu den bedeutendsten gotischen Sakralbauten Frankreichs. Mit ihrem Bau wurde bereits im Jahr 1434 begonnen. Die Fertigstellung zog sich über Jahrhunderte hin. Das Gotteshaus prägte mehr als fünf Jahrhunderte lang das Stadtbild von Nantes und beherbergte zahlreiche Kunstschätze von unschätzbarem historischem Wert. Am 18. Juli 2020 brach gegen acht Uhr morgens im Innern der Kathedrale ein Feuer aus. Der Staatsanwalt Pierre Sennès erklärte später, dass die Ermittler drei voneinander unabhängige Brandherde festgestellt hätten: im Bereich der Hauptorgel sowie auf der linken und rechten Seite des Kirchenschiffs.
Schon früh deuteten die Umstände daher auf Brandstiftung hin. Die Schäden waren verheerend. Die historische Hauptorgel, eines der bekanntesten Instrumente Frankreichs, wurde vollständig zerstört. Teile der Orgel stürzten in das Kirchenschiff. Außerdem wurden ein großes Buntglasfenster und weitere Fenster der Kathedrale vernichtet. Den Flammen fiel auch das Gemälde „Saint-Clair guérissant les aveugles“ (Sankt Clarus heilt die Blinden) des bedeutenden französischen Malers Hippolyte Flandrin aus dem Jahr 1836 zum Opfer. Eine Woche nach dem Brand gestand Emmanuel Abayisenga, ein aus Ruanda stammender Flüchtling und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Diözese, die Tat.
Er war seit mehreren Jahren für die Kirche tätig und hatte Zugang zur Kathedrale. Nach seinem Geständnis wurde bekannt, dass er selbst die Feuer gelegt hatte. Doch die Geschichte endete nicht mit der Brandstiftung. Nachdem der Täter die Tat eingeräumt hatte, begegnete ihm der katholische Priester Olivier Maire mit christlicher Nächstenliebe. Maire gewährte dem Mann Unterkunft und Unterstützung. Er nahm ausgerechnet denjenigen auf, der wenige Monate zuvor eines der bedeutendsten Gotteshäuser Frankreichs in Brand gesetzt hatte. Am 9. August 2021 erschütterte eine weitere Nachricht das Land. Emmanuel Abayisenga gestand, den Priester Olivier Maire getötet zu haben.
Der Geistliche, der ihm geholfen und ihn beherbergt hatte, wurde zum Opfer desselben Mannes, dem er Vertrauen geschenkt hatte. Der damalige Innenminister Gérald Darmanin erklärte daraufhin, wer sich an einem christlichen Geistlichen vergreife, greife die Seele Frankreichs an. Der Fall löste weit über kirchliche Kreise hinaus Entsetzen aus. Heute ist die Kathedrale von Nantes nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten wiederhergestellt. Die Wunden des Feuers konnten repariert werden. Die Erinnerung an die Tragödie bleibt jedoch bestehen: Ein Brandstifter zerstörte einen Teil eines jahrhundertealten Gotteshauses, fand später Aufnahme bei einem Priester und nahm schließlich seinem Wohltäter das Leben. Für viele Franzosen ist dies bis heute eine Geschichte, die weit über einen gewöhnlichen Kriminalfall hinausgeht.
Siegfried